Nur noch wenige Monate, dann sollen die ersten Atomkraftwerke in Deutschland nach dem Atomkonsens abgeschaltet werden, nämlich Biblis A und B, Brunsbüttel, und Neckarwestheim 1. Für mich: Ein Grund zur Freude!
Doch, wie unschwer zu überhören ist, wird die Debatte um einen Ausstieg aus dem Ausstieg immer lauter, je näher dieser Termin rückt. Oft genannte Argumente sind die Folgenden:
- Die heutigen Atomkraftwerke sind sicher.
- Andere Länder bauen massiv aus, während Deutschland als Verlierer da steht.
- Ohne Atomkraft ist die Stromversorgung für Deutschland nicht gewährleistet.
- Atomkraft macht Strom billiger.
- Atomkraft ist klimaneutral…
Deshalb möchte ich nun in Kürze darauf eingehen, wie meine Sicht der Dinge dazu ist.
- Die Gefahren der Atomkraft sind nach wie vor enorm: Die Atomkraftwerke, um die es in der Diskussion primär geht, sind über 30 Jahre alt, der Stand der Technik ist aus den 1960er Jahren. Je älter Die Anlagen werden, desto mehr häufen sich Störfälle. Hinzu kommt die heutige Bedrohung durch den internationalen Terrorismus. Unsere Atomkraftwerke sind gegen einen gezielten Flugzeugabsturz nicht, oder nicht ausreichend geschützt. Ein viel grundsätzlicheres Problem ist das der Endmülllagerung. Jedes Jahr fallen in deutschen Atomreaktoren etwa 450 Tonnen radioaktiver Müll an. Für eine sichere Entsorgung über Millionen Jahre kann niemand garantieren. Welche gravierenden Probleme schon nach drei Jahrzehnten auftauchen, zeigen die vor kurzem bekannt gewordenen katastrophalen Zustände im Endlager Asse bei Salzgitter. In das Bergwerk tritt Wasser ein und droht die schwach- und mittelradioaktiven Rückstände ins Grundwasser und schließlich in die Umwelt zu schwemmen.
- Es gibt keine weltweite Renaissance der Atomkraft: Laut der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) waren 1990 weltweit 83 Atomkraftwerke im Bau, 1998 waren es 36, heute sind es noch 34. Laufend werden mehr Atomkraftwerke stillgelegt als neu in Betrieb genommen. In Europa gibt es eine ganze Reihe von Ländern, die ohne Atomenergie auskommen, wie Italien, Portugal, Dänemark, Norwegen, Polen, Österreich und Irland.
- Genug Strom für Deutschland – Auch ohne Atomkraft: Für den Fall, dass Deutschland aus der Atomkraft wie beschlossen aussteigt und auf neue Kohlekraftwerke verzichtet, malt die Atomlobby eine „Stromlücke“ an die Wand. Doch eine Studie des Umweltbundesamts (UBA) zeigt: Wenn wir den Stromverbrauch bis 2020 um 11 Prozent senken, Erneuerbare Energien auf knapp 30 Prozent der Stromerzeugung ausbauen und 25 Prozent des Stroms in modernen Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung produzieren, ist die Versorgung gesichert. All dies ist zu erreichen, wenn der politische Wille vorhanden ist. Mit Atomkraft ist die Abhängigkeit von Öl nicht zu bekämpfen – denn dieses wird nicht zur Stromerzeugung verwendet. Und die Abhängigkeit von Gasimporten lässt sich weit sinnvoller mit konsequenten Schritten zur energetischen Sanierung von Gebäuden verringern. Schließlich gehen etwa 85 Prozent unseres Gaskonsums in Wärme und Warmwasserbereitung.
- Atomkraft macht Strom nicht billiger: Mit abgeschriebenen und hoch subventionierten Atomkraftwerken lässt sich in der Tat Strom billig erzeugen – für unter 2 Cent pro Kilowattstunde. Doch dieser Strom kommt nicht günstig beim Kunden an, sondern wird zu dem Preis verkauft, wie er sich an der Leipziger Strombörse bildet. Den Preis von derzeit etwa 7 bis 8 Cent bestimmen die Kraftwerke mit den höchsten Produktionskosten. Die Differenz zwischen billig erzeugtem Atomstrom und dem Marktpreis füllt nur weiter die Konzernkassen. Jedes Jahr, in dem die 17 deutschen Atomreaktoren weiterlaufen, bringt den Unternehmen einen zusätzlichen Gewinn von rund 10 Milliarden Euro. Um die Zustimmung der Politik zur Laufzeitverlängerung zu erkaufen, wollen sie einem Teil davon für klimafreundliche Technologien einsetzen. Doch für eine größere Dynamik beim Ausbau Erneuerbarer Energien braucht es nicht in erster Linie mehr Geld, sondern weniger Blockaden durch die Konzerne. Die Erzeugung von Atomstrom ist nur günstig, da wir Steuerzahler ihn subventionieren. Wir und nicht die Konzerne müssen im Falle eines Super-GAUs für Schäden aufkommen. Auf fünf Billionen Euro beziffert das Bundeswirtschaftsministerium die Kosten eines Unfalls – für den Löwenanteil davon müsste der Staat und damit wir alle aufkommen. Zudem flossen seit Betrieb der Atomkraft in Deutschland etwa 100 Milliarden Euro öffentlicher Geldmittel als Subventionen in die Atomkraft. Einige Beispiele: 20 Milliarden Euro Subventionen gingen in Forschungsreaktoren, 9 Milliarden in gescheiterte Projekte wie die Wiederarbeitungsanlage Wackersdorf und den Schnellen Brüter Kalkar. 23 Milliarden Euro Steuermittel entgingen der öffentlichen Hand, da die Energiekonzerne Gewinne steuerfrei als Rückstellungen für die „Entsorgung“ von alten Reaktoren verbuchen durften.
- Atomkraft ist alles andere als klimaneutral: Die Gewinnung von Uran ist äußerst energieaufwändig. Nach Berechnungen des Öko-Instituts entstehen 126 g CO2 pro Kilowattstunde Strom. Zum Vergleich: Ein modernes Gaskraftwerk mit Wärme-Auskopplung kommt auf 119 g CO2 pro Kilowattstunde, eine Windkraftanlagen auf 22 Gramm, die vor allem bei der Herstellung entstehen. Auch als „Brückentechnologie“, bis Energie in ausreichendem Maße aus Erneuerbaren Quellen erzeugt wird, scheidet Atomenergie aus. Länger laufende Kraftwerke zementieren nur die Monopolmacht der Energiekonzerne, mit der sie Produzenten Erneuerbarer Energien behindern – etwa mit hohen Hürden beim Netzzugang. Die ineffiziente und zentralistische Energieerzeugung der Konzerne ist das größte Hindernis, das einer dezentralen und flexiblen Energieerzeugung mit Erneuerbaren Energien entgegensteht. Nach einem Beschluss über eine Laufzeitverlängerung würden die Konzerne mit aller Macht versuchen, die Ausbaudynamik der Erneuerbaren Energien zu stoppen, um Stromüberkapazitäten zu verhindern. Die Energiewende wäre beendet, bevor sie richtig begonnen hat.
Von diesen Tatsachen abgesehen, stehen noch immer Risiken im Raum, die bislang noch nicht ausreichend erforscht wurden, wie beispielsweise den Zusammenhang der hohen Zahl von Kindern mit Leukämie im Umkreis von 5 km eines Atomkraftwerkes: Die Forscher unter der Leitung der Mainzer Epidemiologin Maria Blettner stellten fest, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie, erkrankt waren. Im statistischen Durchschnitt seien 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Etwa 20 Neuerkrankungen seien also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen.
Dennoch scheint ein direkter Zusammenhang zwischen Strahlung und Krankheit nicht gegeben zu sein:
Die statistische Untersuchung und bekannte Zusammenhänge zwischen Krebsrisiko und Strahlung stünden nicht im Einklang miteinander. Deswegen solle die Strahlenschutzkommission die Untersuchung samt ihrer Methoden und Ergebnisse genau bewerten.
Von einer genaueren Bewertung der Studie wurde seitdem nichts mehr gehört oder gesehen.
Mein Fazit: Alles spricht gegen Atomkraft.
„Es beginnt eine ulkige und gleichzeitig schreckliche Realsatire. Ihr Motiv lautet: Die Klimakatastrophe und die Ölkrise lassen die Gefahren der Atomkraft verschwinden. … Die Akteure, die für Sicherheit und Rationalität bürgen müssen (Staat, Wissenschaft, Industrie) sind jetzt in einer zwiespältigen Rolle. Sie sind keine Aufseher mehr, sondern Verdächtige; keine Risikoverwalter mehr, sondern für dasselbe verantwortlich.
Sie fordern die Bevölkerung dazu auf, ein Flugzeug zu besteigen, für das es noch keine Landebahn gibt. …
Was wäre, wenn Radioaktivität jucken würde? … Gewiss kämen schnell Erklärungen auf, wonach der Juckreiz … möglicherweise eher mit anderen Phänomenen als mit Radioaktivität zusammenhänge, aber nicht schädlich sei. Es ist anzunehmen, dass derlei Erklärungen keine guten Überlebenschancen hätten, wenn die Menschen … permanent an ihrer gereizten Haut herumkratzen müssten. Damit stünden Politik und Gesellschaft in einer völlig neuen Beziehung zu den großen modernen Risiken: Es wäre kulturell erfahrbar, worüber gestritten und verhandelt wird.“ (Ulrich Beck)
Eine kleine Auswahl an weiterführenden Links:
http://www.gruene-bundestag.de/cms/atomkraft/rubrik/12/12186.atomkraft.html
http://www.campact.de/atom2/home
http://www.rebecca-harms.de/download/pixi_24-06-08_ok.pdf
http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/
http://www.zeit.de/2008/29/01-Atomleiter-Contra
http://www.cicero.de/97.php?item=1766&ress_id=6
http://www.bpb.de/suche/,,.html?all_search_action=search&all_search_text=atomenergie&x=0&y=0




